Antonius Corvinus
Der Pate der Corvinuskirche

Datum: Sonntag 02 April 2006 13:48:25


Der Pate unserer Kirche, Antonius Corvinus, soll ausdrücklich genannt werden als Lehrer unserer Kirche, dessen segensreiche Spuren geblieben sind, mag der Mann selbst darüber vergessen sein. Er war es, der die Reformen in unserer Heimatstadt Hannover einführte.



Geboren ist er am 27. Februar 1501 in Warburg. Als er 1519 in das Kloster Riddagshausen bei Braunschweig eintrat, übersetzte er seinen Familiennamen "Rabe", nach der Sitte der Zeit, ins Lateinische und nannte sich "Corvinus". Als Zisterziensermönch studierte er Theologie, dabei geriet er unter den Einfluß der Lehre Luthers, der er sich anschloß. 1523 wurde er von seinem Abt als "lutherischer Bube" aus dem Kloster verstoßen. Er wirkte dann als evangelischer Prediger an verschiedenen Orten, besuchte auch Wittenberg, wo er Martin Luther und andere Reformatoren persönlich kennenlernte, mit denen er durch regen Briefwechsel verbunden blieb. Der Landgraf Philipp von Hessen berief ihn als Prediger nach Witzenhausen an der Werra. Hier blieb er, bis sich die Herzogin Elisabeth, die 1540 die Regierung für ihren unmündigen Sohn Erich II. übernommen hatte, von dem Landgrafen die "leihweise Überlassung" des Witzenhäuser Predigers Antonius Corvinus erbat. Er, dem sie schon seit Jahren nahe stand, sollte die Reformation in ihrem Land Calenberg durchführen. Sie übertrug ihm die Superintendentur ihres Landes mit dem Sitz in Pattensen und ließ ihn die Calenberger Kirchenordnung abfassen, die 1542 gedruckt wurde. Auf sie werden auch heute noch die Pastoren des Calenberger Landes verpflichtet. In seinem Amtsbereich, es war das Land zwischen Weser und Leine von Hannoversch-Münden im Süden bis Neustadt am Rbge. im Norden, unternahm er in den Jahren von 1542 bis 1544 mehrere Visitationsreisen, die der Einführung dieser neuen Ordnung dienten. Während dieser Reisen kam er auch zweimal nach Marienwerder. Er sorgte dafür, daß die beiden unwissenden Geistlichen vom Pastor der Kreuzkirche in Hannover unterwiesen wurden und wandelte das Kloster in ein evangelisches Stift um.

1549 übernahm Herzog Erich II., der am Hofe Kaiser Karls V. katholisch geworden war, die Regierung. Es schien, als sei die Arbeit, die Corvinus getan hatte, vergebens gewesen. Für ihn selbst begann eine böse Leidenszeit. Am 2. November 1549 wurde er auf der Feste Calenberg, in der Nähe der heutigen Marienburg, gefangengesetzt. Seine Bibliothek wurde zerstört, sein Besitz eingezogen. Erst nach drei Jahren, die seine Gesundheit zerstört hatten, gab ihn der Herzog aufgrund wiederholter Bitten seiner Mutter und Drohungen Phillips von Hessen frei.

Die Stadt Hannover nahm Corvinus auf und gab ihm die Pfarre der Aegidienkirche. Auf seinem letzten Krankenlager verfaßte er noch ein evangelisches Gebetbuch. Die letzten Worte, die er niederschrieb, lauteten: "Ich glaube, darum rede ich."

Am 5. April 1553 verstarb Corvinus im Alter von 52 Jahren. Er wurde im Mittelchor der Marktkirche beigesetzt. Die Grabinschrift, die er selbst verfaßt hatte, lautet: "Hier ruhe ich im Tode der Frommen, Corvinus, der ich mit Tränen langwierige Bande trug. Lebend habe ich das Wort des lebendigen Gottes ehrfurchtsvoll verkündet, obgleich ich der ärmste Sünder war. Aber Christus reinige mich durch dein Blut! Zu Staub wurde der Leib; das Grab hält das Gebein; der Geist selbst aber hat seine Wohnung im Himmel."

Antonius Corvinus ist der Pate unserer Kirche, gebe Gott, daß in dieser Kirche das Wort des lebendigen Gottes immer ehrfurchtsvoll verkündet werde.

Beitrag aus der Festschrift zur Einweihung der Corvinuskirche Hannover-Stöcken, 1962

ws

 


Gottesdienst am Sonntag, 22. Mai 2005 (Trinitatis)
mit Einführung von Frau Eva Hadem als Pastorin an der Corvinuskirche

Predigt über 1. Mose (Genesis) 8, 6 f

von Pastorin Eva Hadem

 

(Der Beginn der Predigt bezieht sich auf den Türgriff der Corvinuskirche - einen Raben aus Bronze.)

 
Liebe Gemeinde,

Sie hätten ihn alle angefasst.

Sie hätten ihn angefasst, wenn unser Küster nicht so freundlich die Kirchentüren schon weit aufgemacht hätte.

Und jetzt muss er draußen bleiben, während wir hier drinnen fröhlich feiern. Er muss draußen bleiben, obwohl er der Kirche seinen Namen geben hat: Corvinus - auf deutsch: der kleine Rabe.

Tagein, tagaus sitzt er als Türgriff an der Kirchentür, wacht vor seiner Kirche und gewährt uns Einlass.

Ein herbes Schicksal muss unser Kirchenrabe aushalten. Als Namensgeber und Patron sozusagen lassen wir ihn nicht herein.

Aber so ist es mit Mensch und Raben. Das war ein rabenschwarzer Tag, sie ist eine Rabenmutter - sagen wir. Die Raben haben bei uns keinen sonderlich guten Ruf. Lange Zeit wurden sie gejagt, bis es bald keine mehr gegeben hätte. Mittlerweile steht der bei uns heimische Kolkrabe glücklich unter Schutz.

Auch in der Bibel kommt der Rabe mehrfach vor. Und namhafte Theologen und Ausleger sind sich nicht zu schade, die Stellen als sperrig und unpassend einfach auszumustern. Und dann wenden sie sich lieber den Tauben oder Vögeln allgemein zu.

Als Corvinuskirchengemeinde, das heißt, als Gemeinde des Kleinen Raben können wir, finde ich, das nicht zulassen.

Nach vierzig Tagen tat Noah an der Arche das Fenster auf, das er gemacht hatte, und ließ einen Raben ausfliegen; der flog immer hin und her, bis die Wasser vertrockneten auf Erden. (Gen 8,6f)

Der Rabe ist ein kräftiges Tier mit deutlich mehr Ausdauer als die Taube. Von denen muss Noah immerhin drei Stück losflattern lassen.

Dennoch: Als Opfergabe ließ man im Tempel im alten Israel den Raben auch nicht zu. Vielleicht weil er gerne auch mal ein kleines Vögelchen verspeist oder als Aasfresser bekannt ist und heutzutage gerne auch auf Müllhalden lebt.

Der Rabe läßt sich nicht verhätscheln. Das ist ein Kanarienvogel, der fröhlich im Käfig sein Lied trällert. Der ist frei und wild, als Kolkrabe so groß wie ein Bussard und schlau. Er ist eine schillernde Persönlichkeit - so wie sein rabenschwarzes Gefieder.

Mit Mensch und Rabe harmoniert es nicht so richtig - wir tun uns mit dieser schillernden Vogelpersönlichkeit schwer. Und wie steht es um Gott und die Rabenwelt?

Gott mag die Raben: er nutzt ihre besonderen Fähigkeiten. Einmal schickt er seinem Propheten Elia die Raben zu Hilfe. Die sollen ihm irgendwo in nirgendwo die nötige Nahrung bringen. Und das tun sie auch: bringen Elia Brot und Fleisch. (1.Kön 17)

Gott mag die Raben: er gibt den jungen Rabenkindern Futter und sorgt für die Raben überhaupt hoch am Himmel. Er hört ihr Krächzen und antwortet darauf. Gott redet auch mit den Raben (Hi 38,41; Ps 147,9; Lk 12,24)

Die Raben gehören zu Gottes guter Schöpfung und haben darin ihren wichtigen Platz.

Zur Vorbereitung auf diese Predigt mußte ich meinen Bruder anrufen, weil der sich von Berufs wegen mit den Tieren in Wald und Flur auskennt. Und ich fragte ihn: „Dirk, du musst mir eine Frage beantworten, sind die Raben gute oder böse Tiere?“ „In der Natur gibt es nicht gut und böse!“ kam die schnelle Antwort auf der anderen Seite vom Telefon, „Jedes Tier hat seine Aufgabe, seinen Platz und seine wichtige Funktion.“

Und was ist der Part des Raben?

1) Er ist ein stattlicher Vogel, mit kräftigen Beinen, einem kompakten Körper. Mit majestätisch langsamen Flügelschlägen kreist er durch die Luft. Er ist ein Meister des Schwebeflugs. Und mühelos schraubt er sich höher und höher und nutzt dabei nur die Kräfte des Aufwinds. Bedächtig oder auch mal mit einem großen Sprung ist er auf dem Boden unterwegs.

-> Diese Haltung steht auch uns als Gemeinde des Kleinen Raben gut zu Gesicht: Wir sollen eine aufrechte Kirche sein. Wir müssen uns im Stadtteil nicht verstecken. Wir sind Gottes Boten und dürfen mit großer einladender Geste den Menschen begegnen. Kein Geld, Fusionierung, Ausverkauf der Kirche - so scheint der Trend. Von Corvinus, dem kleinen Raben können wir uns den stattlich aufrechten Flug/Gang abgucken. Oder auch von Antonius Corvinus. Der war Luthers Mitarbeiter hier bei uns in Niedersachsen. Und genaugenommen ist er natürlich der eigentliche Namensgeber unserer Kirche. Antonius Corvinus flog erst im hohen Bogen aus dem Kloster und später landete er auch mal in Kerker. Und trotzdem hat er nicht aufgehört, die neue evangelische Landeskirche im hannoverschen Raum auszubauen. Und mit seinem klaren aufrechten Gang war er erfolgreich.

2) Der Rabe ist einer, der legt Vorräte an.

Der lebt nicht einfach in den Tag hinein und hofft, daß alles gut wird. Der plant, der schaut voraus, der denkt an morgen. Und dabei schafft zum Beispiel der Eichelhäher (er gehört auch zur Familie der Raben) etwas, was kein Mensch macht: Er pflanzt Eichen, wo sonst keine Eichen wachsen würden, weil er nicht jede Eichel, die er vergräbt auch wieder ausbuddelt. Und wo Sie mitten in einer Kiefernschonung eine Eiche entdecken, wissen Sie, die ist nicht durch des Försters Hand dorthin gekommen. Das war ein Rabenvogel - der Eichelhäher.

-> Das, was wir in der Kirche anzubieten haben, scheint in der modernen Welt völlig abwegig. Wer hip und in sein will, geht sonntags nicht in die Kirche. Wer hip und in sein will, tritt scheinbar pfiffig aus der Kirche aus, um Kirchensteuern zu sparen. Sich um den Nächsten sorgen, für die Armen, Kranken und Alten dasein - das bringt kein Geld. Kinder und Jugendliche auf dem Weg in die Zukunft begleiten - ach, ist das anstrengend. Das soll die Schule machen, am besten ohne zuviel Geld zu verbrauchen. Als Kirche müssen wir mitten im eintönigen Kiefernwald dieser Welt sozusagen unsere Eiche pflanzen und deutlich machen: Wenn wir miteinander eine Zukunft haben wollen, dann können wir nicht achtlos aneinander vorbei leben, dann kann es nicht ausschließlich um Gewinn und Profit und jung sein gehen. Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit, Diakonie, Erziehung, die mehr ist als Mathe und Deutsch, Sorge um die Seele, das sind die Zweige unserer Eiche - von Corvinus gepflanzt.

Sie merken, der Rabe ist ein großartiger Vogel und wir können stolz sein, Corvinus - „Kleiner Rabe“ - zu heißen. Und doch läßt sich der stattliche Rabe nicht einfangen und vereinnahmen. Er bleibt ein Aasfresser am Rande der Müllhalde, er räubert die kleinen Vögel aus fremden Nestern. Der Rabe hat in unseren Augen Schattenseiten. Und die wird er nicht los. So wie wir selbst auch unsere Schattenseiten nicht einfach abschütteln können. Aber Gott, Gott liebt den Raben dennoch:

Seht die Raben an, sie säen nicht, sie ernten auch nicht; sie haben auch keinen Keller und keine Scheune, aber Gott ernährt sie doch.

Das ist unsere Chance, als Kinder Gottes, als Gemeinde des Kleinen Raben.

Darum können wir aufrecht, erhobenen Hauptes und mutig für Gottes Sache eintreten, die ganz anders ist als die Welt um uns herum. Darum können wir unsere Eiche mitten im Kiefernwald pflanzen als eine Familie - der Rabenkinder Gottes.









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